Europa hat viele Orte, an denen seine Zukunft gedacht und gestaltet wird. Am 8. und 9. Oktober 2026 war ich bei der internationalen Konferenz „The University Without Borders“ an der Universität Genua zu Gast. Dort stellte ich die Gründungsgeschichte des Instituts für Europäische Politik vor. Für mich bot die Tagung zugleich Gelegenheit, die Geschichte unserer Europäischen Akademie Berlin als ehemaliges Europahaus in einen größeren europäischen Zusammenhang einzuordnen. Besonders gefreut hat mich der Austausch mit Frédéric Lépine vom Centre international de formation européenne (CIFE), dem ich als Non-Resident Research Fellow verbunden bin.

Auf Einladung der Initiatorin und Veranstalterin Prof. Dr. Daniela Preda, Direktorin des Fachbereichs Politik- und Internationale Studien an der Universität Genua, nahm ich an der Konferenz „The University Without Borders. Networks, centres and institutions for a European university“ teil. Das offizielle Programm führte durch eine vielfältige europäische Bildungs- und Forschungslandschaft: von den Europakongressen in Den Haag und Lausanne über das College of Europe und europäische Studienzentren bis zum Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, Erasmus, Jean-Monnet-Aktivitäten und dem Bologna-Prozess.

Gründungsgeschichten im Gespräch

In meinem Panel am 8. Oktober 2026, das Prof. Simona Negruzzo von der Universität Pavia leitete, kamen drei unterschiedliche Gründungsgeschichten zusammen. Frédéric Lépine, stellvertretender Generaldirektor des CIFE, sprach über Alexandre Marc, die Gründung des CIFE im Jahr 1954 und das Collège d’Études fédéralistes in Aosta. Étienne Deschamps vom Historischen Archiv des Europäischen Parlaments in Luxemburg stellte die Internationale Universität für vergleichende Wissenschaften in Luxemburg vor, die von 1957 bis 1964 bestand. Dabei fragte er nach dem europäischen Charakter dieses Hochschulprojekts.

Wie aus Bewegung, europapolitische Bildung und schließlich Forschung wurde

Mein Vortrag trug den Titel „Between Movement, Education and Research: The Founding of the Institut für Europäische Politik in 1959“. Mich interessierte, wie das heutige Institut für Europäische Politik (IEP) aus dem Umfeld der Europäischen Bewegung und insbesondere der Europa-Union Deutschland hervorging. Am 25. April 1959 zunächst als „Bildungswerk Europäische Politik“ gegründet, sollte es die Bildungsarbeit der Europa-Union und der Europahäuser unterstützen. Die europäische Einigung war für die Beteiligten das Ziel. Die schwierigere Frage lautete: Wie konnte dieses Ziel unter den politischen Bedingungen der damaligen Zeit erreicht werden?

In dieser Gründungsgeschichte lässt sich ein produktives Dreieck erkennen: europäisches Engagement, politische Bildung und wissenschaftliche Reflexion. Die Bewegung brauchte fundiertes Wissen für ihre Forderungen. Die Bildungsarbeit benötigte verständliche Analysen und Materialien. Gleichzeitig entstanden Raum für eigenständige Forschung und die Möglichkeit, europapolitische Vorstellungen kritisch zu prüfen. Aus einem Bildungswerk entwickelte sich so schrittweise ein Institut, das eigene Fragen stellte und neue Gedanken in die politische Debatte einbrachte. 1974 erhielt es seinen heutigen Namen.

Diese Verbindung beschäftigt mich auch in meiner eigenen Arbeit. Als Co-Landesvorsitzender der Europa-Union Berlin engagiere ich mich für die europäische Einigung. Als Studienleiter der EAB schaffe ich gemeinsam mit meinen Kolleg Räume für Begegnung, Reflexion und politische Bildung. Für mich gehören dazu auch wissenschaftliche Erkenntnisse und die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu hinterfragen. Die Geschichte des IEP zeigt, wie sich diese Aufgaben gegenseitig bereichern können.

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Raum zur Reflexion

„In der Gründungsphase des heutigen IEP wurde ausdrücklich davor gewarnt, ein Forschungsinstitut mit dezidiertem Europaschwerpunkt aufzubauen. Mich fasziniert, dass gerade aus dem entstandenen Bildungsauftrag der Bedarf an eigenständiger Forschung wuchs. Wer Europa erklären will, muss auch Raum schaffen, um es gründlich zu hinterfragen.“

Austausch, der Perspektiven öffnet

Besonders wertvoll war für mich der Austausch mit Frédéric Lépine. Als Non-Resident Research Fellow bin ich dem CIFE selbst verbunden. Sein Beitrag über Alexandre Marc und die frühen föderalistischen Bildungsinitiativen eröffnete eine weitere Perspektive auf die Fragen meines Vortrags. Im gemeinsamen Panel konnten wir unterschiedliche institutionelle Wege nebeneinander betrachten und ihre Verbindungen sichtbar machen.

Orte, die Europa prägen

Ein Gedanke hat mich dabei besonders beeindruckt: In den vergangenen rund 70 Jahren haben ganz unterschiedliche Orte und Initiativen Spuren in Europa hinterlassen. In Brügge, Nancy, Straßburg, Aosta, Luxemburg, Otzenhausen oder Berlin wurde Europa erdacht und entwickelt. Hier wurde über seine Zukunft geforscht, hier wurden Menschen gebildet und europäische Zusammenhänge gelehrt. An all diesen Orten haben Menschen versucht, der europäischen Idee eine konkrete Form zu geben.

Auch unsere Europäische Akademie Berlin ist in diesem europäischen Bildungs- und Begegnungskosmos entstanden. Als Europahaus Berlin nahm sie 1963 ihre Arbeit im eigenen Tagungshaus auf. In Genua wurde mir noch einmal deutlich, wie eng unsere Geschichte mit dieser größeren europäischen Entwicklung verbunden ist. Daraus erwächst für mich ein Auftrag für unsere heutige Arbeit: Raum für offene Gespräche und politische Bildung zu schaffen, Forschung und Öffentlichkeit miteinander zu verbinden und uns Zeit für gründliche Gedanken über Europas Zukunft zu nehmen.

Von Rom aus gesehen

Studienleitung

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