Es gibt Länder, die auf keiner Wetterkarte auffallen und in keiner Abendnachricht vorkommen, und die doch mehr über den Zustand Europas verraten als mancher große Nachbar. Nordmazedonien ist so ein Land. Keine zwei Millionen Menschen, eingefasst von Bergen, durchzogen vom Vardar, gelegen an einer der ältesten Kreuzungen des Kontinents, dort, wo sich seit der Antike die Wege von Nord nach Süd und von Ost nach West getroffen haben. Ein Land, das seinen eigenen Namen erst seit 2019 in Ruhe aussprechen kann, und das seither mit einer Geduld auf Europa wartet, die man nur bewundern kann.

An diesem Morgen war dieses Land zu Gast in der Bismarckallee.

Ein Gelehrter als Botschafter

S. E. Ylber Sela vertritt die Republik Nordmazedonien seit Februar 2024 in Deutschland. Er ist kein Diplomat der gewöhnlichen Laufbahn, sondern Wissenschaftler: in Wien promovierter Politologe, langjähriger Professor für Recht und Politikwissenschaft in Tetovo, mit einem Deutsch, das ohne Dolmetscher auskommt. Seine Doktorarbeit handelte, wie es das Schicksal will, vom Weg seines Landes in die Europäische Union. Man sitzt selten jemandem gegenüber, der sein Lebensthema so genau kennt und so unaufgeregt darüber spricht.

Der lange Weg nach Europa

Nordmazedoniens europäische Geschichte ist eine Geschichte der Ausdauer. Beitrittskandidat seit 2005, Mitglied der NATO seit 2020, den jahrzehntelangen Namensstreit mit Griechenland seit dem Abkommen von Prespa befriedet, und doch steht das Land weiter im Vorzimmer der Union. Deutschland ist dabei der wichtigste Partner: erster Handelspartner, bedeutender Investor, zweite Heimat für rund 150.000 Menschen aus Nordmazedonien. Wer über die Zukunft der Erweiterung spricht, kommt an diesem Land nicht vorbei.

Der Westbalkan an der Akademie

Der Besuch fügt sich in eine Entwicklung, über die wir uns besonders freuen: Der Kontakt zu den Staaten des Westbalkans wächst, Gespräch für Gespräch, Jahr für Jahr. Was mit einzelnen Begegnungen begann, ist zu einem verlässlichen Faden geworden, der Berlin mit Skopje, mit Tirana, mit Sanski Most, mit der ganzen Region verbindet. Die Europäische Akademie Berlin versteht sich hier als das, was sie seit 1963 ist: ein Ort, an dem Europa nicht nur verwaltet, sondern gedacht und gebaut wird.

„Dass der Kontakt zu den Staaten des Westbalkans hier an der Akademie so gedeiht, ist mir eine besondere Freude“, sagt Christian Johann, Direktor der Europäischen Akademie Berlin. „Europa entscheidet sich auch am Westbalkan. Wir öffnen Türen, wir bauen Vertrauen, wir bleiben im Gespräch, Besuch für Besuch.“

Konkrete Schritte

Es blieb nicht bei Absichtserklärungen. Wir haben über konkrete Formate und gemeinsame Termine gesprochen, über die Einbindung Nordmazedoniens in die bilateralen Dialogformate der Akademie und über die Frage, wie sich junge Menschen aus der Region stärker beteiligen lassen.

Ein Anfang, der weitergeht. Wir freuen uns darauf.