Nach dem Auftakt in Prag führte der zweite Baustein des deutsch-tschechischen Projekts Remember & Reimagine die Gruppe nun nach Berlin. Vom 13. bis 15. Juli setzten sich die jungen Teilnehmer:innen aus Deutschland und Tschechien intensiv mit der Frage auseinander, wie Erinnerungskultur, Demokratie und feministische Ansätze zusammenhängen, und warum historische Verantwortung heute wichtiger ist denn je. Das Projekt führt die Europäische Akademie Berlin gemeinsam mit ihrer tschechischen Partnerorganisation AMO durch.

Was in Prag mit Theorie und Analyse begann, wurde in Berlin konkret: Wie lässt sich feministische Außenpolitik mit Leben füllen, wenn ihr der politische Rückenwind abhandenkommt? Ist es überhaupt möglich eine feministische Außenpolitik voranzutreiben, wenn nicht einmal die Innenpolitik feministisch ist? Und was bedeutet „Nie wieder“ heute – angesichts des Scheiterns der internationalen regelbasierten Ordnung? Die feministische Perspektive aus der diese Fragen beleuchtet wurden, wurde nicht ausschließlich als gleichstellungspolitischer Ansatz verstanden, sondern als Werkzeug, um demokratische Resilienz zu stärken, Menschenrechte zu schützen und inklusive Gesellschaften zu fördern.

Historische Verantwortung – feministisch gedacht

Den inhaltlichen Auftakt in Berlin bildete ein Input von Dr. Karoline Färber (Universität Erfurt). Aus der Perspektive feministischer Außenpolitik fragte sie, was historische Verantwortung heute konkret bedeutet – und wie sich aus der Vergangenheit Maßstäbe für gegenwärtiges außenpolitisches Handeln ableiten lassen. In einer gemeinsamen Reflexion vertieften die Teilnehmer:innen die Diskussion.

Von der Theorie in die Praxis

Der zweite Tag rückte die praktische Seite in den Mittelpunkt. Shila Block von medica mondiale zeigte, wie feministische Entwicklungspolitik in internationalen Programmen tatsächlich umgesetzt wird – nah an den Menschen, an den Überlebenden von Gewalt, jenseits abstrakter Konzepte.

Anschließend stellte Niklas Balbon vom Global Public Policy Institute (GPPI) feministische Perspektiven auf Friedensförderung vor. Die theoretischen Ansätze wurden anschließend in einer interaktiven Gruppenarbeit vertieft: In Kleingruppen entwickelten die Teilnehmenden Lösungsansätze für einen fiktiven Inselstaat und erarbeiteten aus einer feministischen Perspektive Strategien zur Bewältigung gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen. Die Übung verdeutlichte anschaulich, dass nachhaltiger Frieden nur gelingen kann, wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen einbezogen und ihre Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigt werden.

Was bleibt, wenn der politische Wille schwindet?

Einer der eindrücklichsten Momente war der moderierte Austausch mit der politischen Analystin Barbara Mittelhammer und der Policy Advisor Marieke Fröhlich (VENRO). Im Zentrum stand eine unbequeme Frage: Was bleibt von Women, Peace and Security und von feministischer Außenpolitik, wenn der politische Wille schwindet und Regierungen sich abwenden? Die Diskussion machte deutlich, dass feministische Politik nicht von wohlmeinenden Konjunkturen abhängen darf – sondern von Strukturen, Bündnissen und einem langen Atem.

Feminist City Tour: Berlin neu lesen

Dass Erinnerung nicht nur in Büchern und Museen steckt, sondern auch im Stadtraum, erlebten die Teilnehmer:innen auf einer feministischen Stadtführung. Gemeinsam besuchten die Teilnehmenden Orte im Stadtteil Schöneberg, die mit den Lebensgeschichten bedeutender Frauen* sowie der Geschichte feministischer und queerer Bewegungen verbunden sind. An Stationen wie der Sophie-Scholl-Schule, dem Begine Treffpunkt oder Erinnerungsorten queerer Geschichte, wurde sichtbar, wie vielfältig Erinnerungskultur sein kann, und wie viele Perspektiven bis heute noch zu wenig Beachtung finden. Ein Perspektivwechsel, der zeigt, dass Erinnerungskultur immer auch eine Frage der Sichtbarkeit ist.

Erinnern als politischer Akt: Von der Erinnerung und Theorie zum aktiven Handeln

Der abschließende Seminartag richtete den Blick bewusst nach vorne. In interaktiven Workshops beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Frage, wie Erinnerung aus einer feministischen Perspektive neu gedacht werden kann und welche Geschichten in Museen, Gedenkstätten oder Schulbüchern bislang unterrepräsentiert sind. Aufbauend darauf entwickelten sie Ideen, wie sich die im Seminar erarbeiteten Ansätze in ihrem eigenen gesellschaftlichen, politischen oder beruflichen Umfeld anwenden lassen. Das Ziel dabei: Die Brücke von theoretischen Konzepten zu konkretem Handeln zu schlagen.  

Vom Wissen ins Wirken

Zum Abschluss wurde es persönlich: In angeleiteter Selbstreflexion und im Austausch übertrugen die Teilnehmer:innen die feministischen Werkzeuge auf ihren eigenen Wirkungskreis. Wo kann ich ansetzen? Was nehme ich mit?

„Nie wieder“ bedeutet nicht nur Erinnern. Es bedeutet Handeln – im eigenen Alltag, im eigenen Umfeld, in der eigenen Arbeit. Das Berliner Seminar war der zweite Schritt auf diesem Weg und ein Beleg dafür, dass historische Verantwortung und feministische Praxis zusammengehören.

Deutsch-tschechischer Dialog

Neben den fachlichen Impulsen lebte das Seminar vor allem vom intensiven Austausch zwischen den deutschen und tschechischen Teilnehmenden. Unterschiedliche nationale Perspektiven, persönliche Erfahrungen und gemeinsame Diskussionen eröffneten neue Blickwinkel auf Erinnerungskultur, Demokratie und Gleichberechtigung. Der persönliche Austausch schuf dabei auch eine Grundlage für neue Kontakte und Freundschaften und eine nachhaltige deutsch-tschechische Vernetzung unter jungen Menschen.

Ein herzlicher Dank gilt unserem Kooperationspartner AMO sowie allen Referent:innen und Institutionen, die das Seminar mit ihren Impulsen bereichert haben – darunter die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, mit deren freundlicher Unterstützung das Projekt möglich wird.

Partner

Studienleitung