22.05.2026
Gleiche Rechte für alle – ist das wirklich zu viel verlangt?
Was bedeutet „Nie wieder" heute – in der internationalen Politik, im Alltag, in unserer Gesellschaft? Um diese Frage dreht sich das deutsch-tschechische Projekt Remember & Reimagine, das die Europäische Akademie Berlin gemeinsam mit AMO durchführt. Der erste Baustein des Projekts führte nun 10 junge Teilnehmer:innen aus Deutschland und Tschechien nach Prag.

Was bedeutet „Nie wieder“ heute – in der internationalen Politik, im Alltag, in unserer Gesellschaft? Um diese Frage dreht sich das deutsch-tschechische Projekt Remember & Reimagine, das die Europäische Akademie Berlin gemeinsam mit AMO durchführt.
Der erste Baustein des Projekts führte 10 junge Teilnehmer:innen aus Deutschland und Tschechien vom 13. bis 15. Mai nach Prag, wo sie sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt haben, was feministische Theorie und Außenpolitik mit historischer Verantwortung zu tun haben – und warum beides heute mehr denn je zusammengehört.
Denn dieselben Kräfte, die rechtsextreme und spaltende Ideen salonfähig machen, richten sich fast immer auch gegen feministische Errungenschaften und Gleichstellungspolitik. Unser Projekt nimmt diese Zusammenhänge ernst und beleuchtete sie aus verschiedenen Blickwinkeln: theoretisch, historisch und sehr praktisch.
Von der Theorie zur Analyse
Den Auftakt bildete eine Einführung von AMO Research Fellow Alice Nováková in die Grundlagen feministischer Außenpolitik – von der Kritik an maskulinisierten außenpolitischen Paradigmen bis hin zu konkreten Länderbeispielen. Ondřej Horký-Hlucháň vom Institut für Internationale Beziehungen Prag vertiefte die Perspektive mit einem Blick auf intersektionale und postkoloniale Ansätze: Feministische Außenpolitik, die nur westliche Frameworks reproduziert, greift zu kurz. Und Parlamentsabgeordnete Irena Ferčíková Konečná diskutierte mit den Teilnehmer:innen, wie feministische Politik unter dem Druck eines erstarkenden Rechtspopulismus behauptet werden kann.
Diplomatie auf Augenhöhe: Ein Gespräch, das in Erinnerung bleibt
Einer der eindrücklichsten Momente des Seminars war die Begegnung mit drei Botschafterinnen, die feministische Außenpolitik nicht nur vertreten, sondern leben. In der Residenz der spanischen Botschafterin trafen die Teilnehmer:innen auf I.E. María Pérez Sánchez-Laulhé, Botschafterin des Königreichs Spanien in der Tschechischen Republik, I.E. Emily McLaughlin, Botschafterin Kanadas, und I.E. Ana Berenice Díaz Ceballos Parada, Botschafterin der Vereinigten Mexikanischen Staaten – und erlebten Diplomatie ganz anders als erwartet: offen, persönlich, auf Augenhöhe. Die kanadische und spanische Botschafterin stellten sich bei der Begrüßung mit ihrem Amt vor, betonten aber gleichzeitig, dass sie Feministinnen sein.
Was folgte, war ein ehrliches Gespräch – über Haltung, aber auch über Hürden. Die Botschafterinnen sprachen offen darüber, wie herausfordernd der Weg in die Diplomatie für Frauen war und ist: Lange galten Heirat oder Kinder als faktische Karrierehindernisse – Strukturen, die sich erst langsam wandeln. Und doch: Alle drei stehen zum Begriff Feministin, auch wenn er heute so oft missverstanden wird. Zu viele verbinden ihn mit Männerfeindlichkeit, statt mit dem, worum es eigentlich geht: gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen, einschließlich Minderheiten.
Ihre Botschaft war klar – und pragmatisch: Lieber die Kraft dafür nutzen, feministische Werte in der Praxis zu leben und weiterzuentwickeln, als Energie im Streit ums Label zu verlieren. Aufrichtige feministische Politik, die alle Menschen in den Blick nimmt, ist wichtiger als das Beharren auf einem Begriff, der polarisiert. In der Außenpolitik, in der Diplomatie, im Alltag.
Erinnern als politischer Akt
Ein berührerendet Moment war die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg aus feministischer Sicht: Tereza Štěpková von Antikomplex stellte die Frage, wessen Geschichten wir erzählen – und wessen wir vergessen. Wer zählt als Held:in, wer bleibt unsichtbar? Die Rolle von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus stand dabei im Mittelpunkt – und damit auch die Frage, wie Erinnerungskultur mit gegenwärtiger politischer Verantwortung zusammenhängt.
Von der Analyse zur Handlung
Am dritten Tag wandte sich das Programm der Praxis zu: In einem Policy Lab entwickelten die Teilnehmer:innen konkrete Vorschläge, wie deutsche und tschechische Gesetzgebung feministischer gestaltet werden könnte. Ein Journalismus-Workshop mit Dominika Perlínová (Magazin Respekt) schloss das Seminar ab – mit dem Fokus darauf, wie man über komplexe globale Themen intersektional, faktenbasiert und mit Haltung berichten kann.
„Nie wieder“ bedeutet nicht nur Erinnern. Es bedeutet Handeln. Das Prager Seminar war ein Schritt in genau diese Richtung.
Ein herzlicher Dank gilt unserem Kooperationspartner AMO.CZ sowie allen Referent:innen und Institutionen, die das Seminar mit ihren Impulsen bereichert haben – darunter die Friedrich-Ebert-Stiftung Prag und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds.







Partner


