Workshop

Der Saal, in dem am 12. November über Taiwans Zukunft gesprochen wird, trägt den Namen eines Befreiers. Simón Bolívar, „El Libertador“, gab dem Simón-Bolívar-Saal der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße seinen Namen, in einem Haus, das Hans Scharoun an den Rand West-Berlins entworfen hat, unweit des Mauerstreifens. Einen Tag zuvor, kaum zwei Kilometer entfernt und auf der anderen Seite der einstigen Grenze, geht es Unter den Linden um den Frieden auf dem Westbalkan. Zwei Adressen, zwei Weltregionen, eine Woche.

Eine Stadt, eine Woche, viele Freiheiten

Zum zweiten Mal lädt Berlin rund um den Jahrestag des Mauerfalls zu einer stadtweiten Woche über Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ein. Schirmherr ist der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Getragen wird die Woche von der Axel Springer Freedom Foundation, der Berlin Freedom Society, der Robert-Havemann-Gesellschaft, visitBerlin und dem World Liberty Congress, der in diesem Sommer sein europäisches Hauptquartier in Berlin eröffnet hat. Mehr als hundert Häuser bringen eigene Veranstaltungen ein.

Das Programm reicht weit über die Erinnerung an 1989 hinaus. Es erzählt von afghanischen Aktivistinnen im Exil und belarussischen Künstlern, von freien Medien in Georgien und der Lage im Iran, von transnationaler Repression gegen Uiguren, von künstlicher Intelligenz in der Justiz und von fünfzig Jahren Biermann-Ausbürgerung. Den Mittelpunkt bildet die Berlin Freedom Conference am 10. November. Wer das Programm der Berlin Freedom Week durchblättert, merkt rasch: Freiheit ist hier kein Jubiläumswort, sondern eine Gegenwartsfrage.

Dayton und die Folgen

Im November 1995 endete der Krieg in Bosnien und Herzegowina auf einem Luftwaffenstützpunkt in Ohio. Das Abkommen von Dayton schuf Frieden, aber auch einen Staat, dessen Verfassung bis heute als Anhang eines Friedensvertrags existiert. Mehr als drei Jahrzehnte später steht diese Ordnung unter Druck wie lange nicht: zentrifugale Kräfte im Innern, Einflussnahme von außen, Reformen, die stocken.

Am 11. November zieht Christian Schmidt im Europäischen Haus Bilanz. Bis Juni 2026 war der frühere Bundesminister Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina. Wenige Wochen nach den Wahlen im Land blickt er in seiner Keynote auf die Zukunft des Westbalkans in Europa. Anschließend diskutiert er mit Botschafter Damir Arnaut und Dr. Niels von Redecker vom Auswärtigen Amt, es moderiert Dr. Dženeta Karabegović von der Universität Salzburg. Vertreter der Botschaften aus der Region bringen ihre Sicht ein. Barbara Gessler, Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, eröffnet den Abend, den wir gemeinsam mit unseren Bonner Nachbarn von der GSI Gustav-Stresemann-Stiftung ausrichten.

Die Frage des Abends ist einfach gestellt und schwer beantwortet: Welche Verantwortung trägt Europa für einen Frieden, den es nicht selbst ausgehandelt hat? Zur Veranstaltung „Dayton und die Folgen“

Taiwan im Fokus

Tags darauf wechselt der Blick nach Ostasien. Zum fünften Mal richtet die EAB die Berlin Taiwan Conference aus, für die Deutsch-Taiwanische Dialogplattform und in Kooperation mit der Deutsch-Taiwanischen Gesellschaft. Zwei Tage, sieben Panels, eine Leitfrage: Welche Rolle spielt Taiwan in einer Welt, die sich neu sortiert?

Es geht um Taiwans internationale Bedeutung, um die Kommunalwahlen Ende November und um neue Wege im deutsch-taiwanischen Handel. Weitere Panels widmen sich Schulpartnerschaften, den Hightech-Agenden beider Länder, gesellschaftlicher Resilienz und den Erfahrungen taiwanischer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Zu Gast sind unter anderem Bonnie Glaser vom German Marshall Fund of the United States, der Journalist Chris Horton, Autor von „Ghost Nation“, David Demes, Vizepräsident des Taiwan Foreign Correspondents‘ Club, und der Schriftsteller Stephan Thome. Den Abschluss bestreiten die beiden Vorsitzenden der Dialogplattform, Carsten Müller MdB und Prof. Dr. Minn-Tsong Lin von der National Taiwan University.

Dass ein Romancier neben einer Sicherheitsexpertin sitzt, ist Absicht. Resilienz entsteht nicht nur in Ministerien, sondern in Klassenzimmern, Redaktionen und Familien. Zur 5. Berlin Taiwan Conference

Was beides verbindet

Bosnien und Taiwan, Westbalkan und Taiwanstraße: Was haben sie miteinander zu tun? Mehr, als die Landkarte vermuten lässt. Beide erzählen von Ordnungen, die Frieden sichern sollen und doch unter Spannung stehen. Beide fragen, was eine Demokratie trägt, wenn der Druck von außen wächst. Und beide verlangen von Deutschland und Europa mehr als Anteilnahme, nämlich Kenntnis, Verlässlichkeit und Gesprächsfähigkeit.

Hier liegt die Aufgabe der Europäischen Akademie Berlin. Gegründet wurde sie 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau, damit West-Berlin mit der Welt im Gespräch bleibt. Daran hat sich wenig geändert, nur die Welt ist größer geworden. Wir bringen Menschen zusammen, die selten an einem Tisch sitzen: Botschafter und Wissenschaftler, Abgeordnete und Schriftsteller, Behörden und Zivilgesellschaft. Wir schaffen Wissen, wo sonst Meinung genügt. Und wir halten Gesprächsfäden, auch wenn sie dünn werden.

Dass wir im zweiten Jahr wieder Partnerin der Berlin Freedom Week sind, freut uns sehr. Politische Bildung gehört in diese Woche, nicht als Rahmenprogramm, sondern als Teil der Sache.

Dabei sein

Für beide Veranstaltungen ist eine Anmeldung nötig, die Plätze sind begrenzt. Der Dayton-Abend beginnt am Mittwoch, 11. November, um 18.30 Uhr im Europäischen Haus, Unter den Linden 78; er wird simultan ins Englische gedolmetscht, danach laden wir zum Empfang. Die Berlin Taiwan Conference läuft am 12. und 13. November in der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, auf Englisch, vor Ort und online. Der Saal liegt im Untergeschoss und ist nur über eine Treppe erreichbar. Und wer jemanden kennt, für den Bosnien oder Taiwan mehr ist als ein Name auf der Landkarte: Erzählen Sie es weiter.

Zwei Säle, diesseits und jenseits der einstigen Mauer. Dass man heute zu Fuß von einem zum anderen gehen kann, ist das schönste Argument für diese Woche.

Freiheit hat viele Adressen

Berlin und die Freiheit in der Welt

„Dass der Frieden für Bosnien und Herzegowina auf einem Luftwaffenstützpunkt in Ohio ausgehandelt wurde, beschäftigt mich als Amerikanisten bis heute. Europa hat diesen Frieden geerbt, nicht gemacht, und muss ihn trotzdem bewahren. Taiwan zeigt aus der Gegenrichtung, wie sich eine Demokratie behauptet, deren Platz in der Welt andere bestreiten. Dass wir beides zum zweiten Mal in der Berlin Freedom Week zur Sprache bringen, macht uns in der EAB stolz, und es verpflichtet.“

Christian Johann, Direktor Europäische Akademie Berlin

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