Die alte Weltordnung löst sich auf: Zwischen einem unberechenbaren USA unter Trump, der systemischen Rivalität mit China und der Bedrohung durch Russland steht Europa vor einer historischen Zerreißprobe. Der Impuls von Dr. Wolfgang Merz analysiert, wie der „alte Kontinent“ durch neue Allianzen mit Mittelmächten und einen strategischen Dialog mit Asien seine Handlungsfähigkeit zurückgewinnen kann.

Von Dr. Wolfgang Merz 30. März 2026

Die alte Welt löst sich auf

Europa ist seit einiger Zeit mit einer neuen Weltordnung konfrontiert, die es vor gewaltige Herausforderungen stellt. Zu Russland sind die Verbindungen seit dem Überfall auf die Ukraine abgebrochen, noch gravierender: es entwickelt sich zum Gegner und zu einer sicherheitspolitischen Bedrohung (auch mit Nadelstichen). Auf die USA kann sich Europa seit der 2. Amtszeit des Präsidenten Trump nicht mehr verlassen, gravierender: Trump attackiert Europa mit Zöllen, wollte einen Zugriff auf Grönland und startet unabgestimmt einen Krieg gegen den Iran, dessen ökonomische Auswirkungen auch Europa zu tragen hat. Damit wird das transatlantische Verhältnis sowie auch die NATO beschädigt. Schließlich kann Europa nur passiv verfolgen, wie die USA und China in einen erbitterten Wettbewerb um die Vormachtstellung in der Welt eingetreten sind.

Europa muss sich neu aufstellen

Europa hat demnach nicht mehr viel Freunde in der Welt und ist umgeben von Mächten, die europäische Werte (Demokratie, Freiheit, Menschenrechte) geringschätzen oder die EU sogar aktiv bekämpfen. Der alte Kontinent hat durchaus verschiedene Optionen:

  •  Es gibt weitere „Mittelmächte“, wie Kanada, Indien, Brasilien oder Südafrika, deren Werte man weitgehend teilt und mit denen man sich verbinden sollte. Dieser Ansatz folgt dem Zitat aus der Rede des kanadischen Premiers Carney in Davos: „Wenn sich die Mittelmächte nicht verbünden, landen sie auf der Speisekarte“.
  • Die sehr lang verhandelte und oft auch bekämpfte Freihandelsabkommen erlangen eine neue Dynamik (Beispiele: Mercosur; Indien; Australien) und sollten rasch umgesetzt werden. Der an sich schon starke europäische Binnenmarkt erlangt dadurch ein noch größeres Gewicht und kann auch politisch eingesetzt werden.
  • Gewichtsstärkend wäre für Europa auch, den Binnenmarkt per se weiter zu vertiefen und seine verminderte Wettbewerbsfähigkeit mit verschiedenen Maßnahmen zu erhöhen.
  • Die schwierigste Option ist die Ausbalancierung seines Verhältnisses zu China. Europa wird aus verschiedenen Gründen in China nicht so einen stabilen Anker haben wie es diesen nach dem Zweiten Weltkrieg mit den USA durchaus hatte. Allerdings ist es in dieser neuen Welt durchaus entscheidend, ein unverzichtbares strategische Gegenüber als Partner zu haben.

Möglichkeiten und Grenzen einer Kooperation mit China

Das Verhältnis der EU zu China ist komplex und ambivalent, geprägt durch die Rolle als Partner, Wettbewerber sowie systematischer Rivale. Herausforderungen ergeben sich durch geopolitische Spannungen, Menschenrechtsfragen sowie Handelsungleichgewichte (China war 2024 für 21,3% für alle EU-Importe verantwortlich; das EU-Handelsbilanzdefizit gegenüber China lag bei 304,5 Mrd. €). Europa ringt um eine konsistente Antwort zwischen Wettbewerb, Abhängigkeit, Risikobegrenzung und notwendigem Dialog.

Vor einer tieferen Kooperation mit China wäre es für Europa wichtig, in einen strategischen Dialog einzutreten, der in der Atmosphäre eines beidseitigen Respekts („Augenhöhe“) stattfinden sollte und vorurteilsfrei kritische Dinge auch benennt. Dies schließt nicht aus, dass parallel größere europäische Länder wie Deutschland und Frankreich auch bilateral agieren, etwa in Form von Regierungskonsultationen. Allerdings sollten solche Dialoge eingebunden werden in eine europäische Gesamtstrategie.

Ein solcher Dialog sollte zunächst versuchen, wechselseitige Differenzen etwas abzumildern. Beide Seiten müssten sich dabei etwas zurücknehmen. Europa sollte seine Vorbehalte gegen das politische System in China und dem pro russisches Verhalten nicht überbetonen. Umgekehrt sollte China anerkennen, dass seine Handelspraktiken nicht oft den Prinzipien des freien Welthandels folgen (z.B.: nicht tarifäre Handelshemmnisse; Unterbewertung der chinesischen Währung; unfaire Subventionen).

Käme man zu einer Grundverständigung, könnten beide Seiten wesentliche Bereiche identifizieren, die für beide vorteilhaft wären:

  • Da ist zunächst die enorme Handelsverflechtung, die man in beidseitigem Interesse gestalten könnte. Europa ist stark in den chinesischen Markt involviert, während China auch angesichts seiner Wachstumsabschwächung ein großes Interesse an einem größer werdenden europäischen Binnenmarkt hat. Für Europa bleibt auch wichtig, den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie den seltenen Erden zu erhalten, bei denen China einen sehr hohen Anteil weltweit besitzt.
  • Es gibt auch gemeinsame geostrategische Interessen, da sich die USA unter Trump weltweit zunehmend isoliert hat. In bestimmten Dossiers könnte man gegenüber US-Aktionen, die die ganze Welt erfassen, gemeinsame Antworten finden. Der Glaube, dass nach Trump die USA wieder in alte Linien zurückkehrt, ist nicht sehr realistisch. Europa sollte allerdings auch im Blick behalten, dass eine EU-Annäherung an China Gegenreaktionen der USA auslösten könnten.
  • Sektoral gesehen, liegen weitere Felder von gemeinsamem Interesse auf der Hand. Während China im KI-Bereich und in der Roboter-Technologie Europa eine Handreiche bieten könnte, hat Europa historisch in bestimmten ökonomischen Segmenten eine Expertise aufgebaut. Auch gibt es im Bereich der Klimapolitik viele Gemeinsamkeiten: während Europa dieses Dossier schon länger verfolgt, hat China mittlerweile eine hohe Expertise aufgebaut, wohingegen sich die USA komplett aus diesem Bereich zurückzieht.
  • Der private Sektor greift diesen Vereinbarungen vor. Exemplarisch ist die chemische Industrie, bei der die BASF mit einer Milliardeninvestition in China jüngst für Aufsehen gesorgt hat.

Asien als Kontinent umfassend einbinden

Ein strategischer Fokus auf China darf den Blick nicht dafür verstellen, dass man auch ganz Asien mit ins Blickfeld nehmen sollte. Die EU hat dies mit dem geplanten Freihandelsabkommen mit der Mittelmacht Indien gemacht und damit die jahrelange Vernachlässigung dieses Subkontinents korrigiert. Man könnten den Blick dann auch ausdehnen auf angrenzende asiatische Länder wie Japan, Südkorea oder Thailand. Diese sind zwar derzeit zumeist auch an den USA orientiert, erleben aber wie die Europäer den gleichen Vertrauensverlust zum einstigen mächtigen Bündnispartner. Sie haben allerdings auch Sorge vor einem übermächtigen China, wobei der zuvor skizzierte Dialog solche Vorbehalte mindern könnte.

Ein kritischer Punkt ist in dieser regionalen Betrachtung letztlich auch die Taiwanfrage. Sollte China tatsächlich diese Insel angreifen, würde natürlich vieles der Darlegungen Makulatur. China-Experten halten trotz der Drohgebärden dieses Szenario derzeit eher für unwahrscheinlich. Zwar möchte sich der Staatspräsident Xi durchaus ein „Denkmal“ setzen, allerdings warnt die zweite Staatsebene nachdrücklich vor den unabsehbaren Folgen eines solchen Angriffs.

Schließlich haben gestörte Lieferketten in der Vergangenheit sowie die Drohung Chinas, seine kritischen Rohstoffe als politischen Instrumenten einzusetzen, offenkundig gemacht, wie abhängig Europa von China in bestimmten Bereichen geworden ist. Die daraufhin entwickelte Strategie des „derisking“ ist nachvollziehbar, könnte aber auch flankiert werden, durch den skizzierten Ansatz des Dialogs und der Kooperation, da eine Vertrauensbasis ebenso Risiken mindern kann.

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Der Autor Dr. Wolfgang Merz ist Berater, Dozent und Autor mit umfassender Erfahrung in nationalen, europäischen und internationalen Prozessen. Als ehemaliger leitender Mitarbeiter im Bundesministerium der Finanzen und Economist beim Internationalen Währungsfonds bietet er strategische Beratung, praxisnahe Bildung und fundierte Publikationen an. Sein Fokus liegt auf der Verbindung von Ökonomie und Politik, um Organisationen und Individuen in einer vernetzten Welt zu unterstützen.  Mehr unter: www.wolfgang-merz.de

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