Erweiterung ist zurück auf der europäischen Tagesordnung

Zehn Jahre lang galt die EU-Erweiterung als technisches Restthema, das man höflich vertagte. Das hat sich geändert. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Frage, wer zu Europa gehört und wie schnell, wieder eine strategische. Montenegro könnte 2028 beitreten, Albanien peilt 2030 an. Neun Staaten stehen derzeit als Kandidaten in der Warteschleife – von Tirana bis Tiflis. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Rechtsangleichung, sondern um die Frage, ob die Union ihr eigenes Versprechen noch einlösen kann.

Albanien ist in diesem Prozess weiter, als viele in Deutschland vermuten. Die Verhandlungen wurden 2022 eröffnet, im November 2025 stand das letzte Kapitel offen, im Sommer 2026 wurden die ersten drei geschlossen – darunter Bildung und Kultur. Wer über die Zukunft der EU spricht, spricht also über Albanien, ob er will oder nicht.

Ein Gespräch, das über die Tagesordnung hinausging

Vor diesem Hintergrund war Botschafterin Adia Sakiqi bei uns in der Europäischen Akademie Berlin zu Gast. Es wurde einer jener Termine, bei denen die vorbereiteten Fragen schnell in den Hintergrund treten. Wir sprachen über die Lage Europas und über die Verschiebungen, die man in Berlin manchmal später bemerkt als in Tirana. Über Albaniens Platz in der Welt – ein Land mit 2,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, das außenpolitisch weit über sein Gewicht hinaus präsent ist. Und über die Nachbarschaft: Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro, Griechenland, Italien auf der anderen Seite der Adria. Regionale Zusammenarbeit auf dem Westbalkan ist keine Fußnote des Beitrittsprozesses, sondern seine eigentliche Härteprobe.

Ein Detail aus der Biografie unserer Gästin hat uns dabei besonders beschäftigt: Adia Sakiqi war fünfzehn Jahre lang Simultandolmetscherin, unter anderem für NATO und Europäische Kommission, bevor sie in den diplomatischen Dienst wechselte. Danach fast ein Jahrzehnt Botschafterin in den Niederlanden, mit den Haager Institutionen als Arbeitsalltag. Wer aus der Dolmetscherkabine kommt, weiß, wie viel an einem einzigen Wort hängen kann – und wie schnell zwei Seiten aneinander vorbeireden, obwohl beide dasselbe meinen. Man merkt es dem Gespräch an.

Warum politische Bildung Albanien braucht

Und hier liegt für uns der Zusammenhang. Erweiterung scheitert selten an Kapiteln und Fristen. Sie scheitert an Unkenntnis – daran, dass Gesellschaften übereinander abstimmen, ohne voneinander zu wissen. Über Albanien kursieren in Deutschland immer noch Bilder aus den frühen Neunzigern: Bunker, Isolation, Aufbruch im Chaos. Was fehlt, ist alles danach.

Und was davor war. Albanien gilt als das einzige von Deutschland besetzte Land Europas, in dem nach 1945 mehr Jüdinnen und Juden lebten als vorher – geschützt von Familien, die sich auf Besa beriefen, ein überliefertes Ehrenwort, das Gastfreundschaft zur unbedingten Pflicht macht. Eine Geschichte, die in deutschen Schulbüchern praktisch nicht vorkommt, obwohl sie uns unmittelbar angeht.

Das ist unsere Aufgabe als politische Bildungseinrichtung: nicht zu bewerten, wer beitrittsreif ist, sondern dafür zu sorgen, dass die Debatte auf Wissen beruht statt auf Restbeständen alter Bilder. Deshalb laden wir Botschafterinnen und Botschafter ein. Deshalb berichten wir darüber.

Was Sie tun können

Unser Veranstaltungsprogramm zu Europa und zur EU-Erweiterung finden Sie auf eab-berlin.eu – als EUROPE-DIRECT Berlin sind viele Angebote offen und kostenfrei. Wer regelmäßig informiert bleiben möchte, abonniert unseren Newsletter. Wer unsere Arbeit unterstützen will, kann das mit einer Spende tun. Und das Wirksamste kostet nichts: Erzählen Sie weiter, was Sie hier gelesen haben. Nach Albanien fahren übrigens auch: Es ist näher, als man denkt.