16.04.2026
35 Jahre Weimarer Dreieck – und die Frage, ob es noch reicht
Prof. Dr. Jessica Gienow-Hecht brachte es auf den Punkt: Vertrauen zwischen Gesellschaften entsteht nicht durch Gipfeltreffen, sondern durch wiederholte, konkrete Begegnung. Berlin hat Europa-Kompetenz. Die Frage ist, ob es sie systematisch nutzt.

1991 haben Deutschland, Frankreich und Polen in Weimar etwas unterzeichnet, das mehr sein sollte als ein Foto. 35 Jahre später lud die EAB gemeinsam mit dem Abgeordnetenhaus von Berlin zum Abend „Berlin verbindet Europa“ – mit Keynote, Panel und drei Showcases, die Europa anfassbar machen wollten. Prof. Dr. Jessica Gienow-Hecht vom John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin bettete die Frage historisch ein; Eva Yakubovska, Florian Fangmann und Joanna Stolarek zogen sie in die Gegenwart. Beim Empfang danach zeigten Jon Worth mit Cross Border Rail, der Kulturzug Berlin–Warschau und das Weimarer Kolleg, was konkrete europäische Zusammenarbeit bedeuten kann. Rund 200 Menschen kamen.

Symbole und Zusammenhalt
Das Weimarer Dreieck war vor 35 Jahren ein politisches Signal. Was mich an diesem Abend beeindruckt hat: Es ist eines geblieben – und gleichzeitig ist die Frage größer geworden. Wenn heute Kyiv mitgedacht wird, geht es nicht um Symbolik. Es geht darum, ob Europa wirklich zusammenhält, wo es zählt.
— Dr. Christian Johann, Direktor der Europäischen Akademie Berlin
Der Abend im Abgeordnetenhaus hat keine einfachen Antworten geliefert – aber er hat die richtigen Fragen gestellt. Ist das Weimarer Dreieck noch das richtige Format, wenn Europa östlicher geworden ist? Was bedeutet „Berliner Selbstwirksamkeit in Europa“ für Menschen, die nicht in der Politik arbeiten? Und wie viel kann kulturelle Zusammenarbeit leisten, wenn die politischen Strukturen unter Druck geraten?
Prof. Dr. Jessica Gienow-Hecht machte in ihrer Keynote deutlich, dass Kultur kein Anhang der Politik ist, sondern deren Voraussetzung: Vertrauen zwischen Gesellschaften entsteht nicht durch Gipfeltreffen, sondern durch wiederholte, konkrete Begegnung. Die Paneldiskussion mit Eva Yakubovska von Víče/Vitsche, Florian Fangmann vom Centre français de Berlin und Joanna Stolarek baute darauf auf – und führte an einen Punkt, der selten so offen benannt wird: Berlin hat Europa-Kompetenz, nutzt sie aber nicht systematisch.
Beim Empfang im Casino wurden aus Thesen Gespräche. Jon Worth, der seit Jahren dokumentiert, warum eine Bahnreise von Berlin nach Paris mehr Hürden hat als ein Inlandsflug, sprach mit Menschen, die das selbst erlebt haben – und mit solchen, die es ändern könnten. Der Kulturzug Berlin–Warschau, der einfach fährt und seit Jahren Menschen verbindet, war für viele Gäste eine Entdeckung. Das Weimarer Kolleg suchte an diesem Abend Mitstreiterinnen und Mitstreiter – und fand sie.
Was bleibt: der Eindruck, dass europäisches Engagement kein Projekt für Spezialistinnen ist. Und die Überzeugung, dass Berlin – wenn es will – ein Knotenpunkt sein kann, nicht nur ein Gastgeber.































