Tour d’Europe

einfach europäisch unterrichten

Wer eine Fremdsprache lernt, muss vor allem eines: sprechen, sprechen, sprechen. Fast alle Sprachkurse beginnen deshalb mit Alltäglichem. Ich heiße Martin Müller. Ich wohne in Berlin. Am liebsten esse ich Salat. Und in den Urlaub fahre ich immer nach Spanien. Schön. Aber wäre es nicht noch schöner, wenn man mit den neuen Spanisch-Vokabeln auch über interessante Inhalte sprechen würde? Über Europa zum Beispiel?

Genau das ist der Grundgedanke des Projekts Tour d’Europe. In enger Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Essen und finanziert durch die Stiftung Mercator entwickelt die EAB bis zum Herbst 2020 modulare, interaktive, digitale wie analoge Lehrmaterialien, die Fremdsprachenbegeisterte dazu bringen, sich auf Englisch, Französisch, Spanisch oder Deutsch über Europa zu unterhalten. Das klingt schwierig – ist es aber nicht. Denn Europa steckt überall in unserem Alltag: In den Tomaten aus Spanien genauso wie in den Rechten, die alle Urlauber haben, wenn ein Flug ausfällt. Über Europa lässt sich viel lernen und kontrovers diskutieren. Je nachdem, wie gut man die Fremdsprache bereits beherrscht.

Die Lehrmaterialien müssen in der Themenwahl und dem sprachlichen Niveau optimal auf die Bedürfnisse der Kursteilnehmer zugeschnitten sein. Deshalb haben wir in einem Kick-off-Workshop mit 23 Sprachlehrer*innen der Volkshochschule Essen herausgearbeitet, welchen Anforderungen die Materialien entsprechen sollen: Spielerisch soll es sein, Spaß machen, aber zugleich weder über- noch unterfordern. Seit April haben die Dozent*innen der VHS Essen darüber hinaus die Chance, sich in einem eigens von der EAB entwickelten interaktiven Online-Kurs über die EU und einzelne Aspekte der europäischen Integration fortzubilden.

 

 

Um weitere Anregungen für die Materialien zu gewinnen, sind wir Ende Juni zu einer gemeinsamen Studienreise ins französische Grenoble aufgebrochen, mit dem die Stadt Essen seit 1979 eine Partnerschaft verbindet.

Study-Trip nach Grenoble

Bei vielen Begegnungen mit Menschen vor Ort haben wir dabei erfahren, wie eng die Staaten Europas längst miteinander verflochten sind: So bewirbt sich Grenoble, wie Vize-Bürgermeisterin Maud Tavel uns beim Empfang im Rathaus der Stadt berichtete, etwa darum, 2022 die Grüne Hauptstadt Europas zu werden – ein Titel, mit dem sich die Partnerstadt Essen 2017 schmücken durfte. Europa zu einem klimaneutralen Kontinent zu machen, ist also längst nicht mehr nur Aufgabe der Staatsregierungen: Das Bemühen um weniger Treibhausgase, mehr grün-blaue Infrastrukturen und sauberer Mobilität verbindet längst auch die Städte des Kontinents miteinander.

Für noch engere Kontakte über die Grenzen hinweg setzen sich die Leitung und die Sprachlehrer*innen der  Université Inter-Ages du Dauphiné (UIAD) sowie der Association Babel ein, mit denen wir uns einen ganzen Nachmittag lang austauschen konnten. Dabei zeigte Dr. Elke Nissen, Professorin für E-learning-Design an der Universität Grenoble auf, welche Chancen das Blended Learning für die Lehre auch über Kultur- und Landesgrenzen hinweg in sich birgt.

Doch auch die klassische, analoge Wissensvermittlung face to face hat durchaus ihre  Vorzüge. So berichtete Francois Genton, Professor für Deutsche Literatur an der Universität Grenoble und Vize-Vorsitzender der Université Populaire Europeénne de Grenoble (UPEG) von den Europa-Debatten,  zu denen die UPEG eine breite Öffentlichkeit regelmäßig einlädt.  Und auch bei unserem Treffen dauerte es nicht lange, bis wir engagiert diskutierten: Soll Europa in Afrika militärisch eingreifen? Oder sollte Brüssel allein auf die Entwicklungszusammenarbeit setzen? Die Antwort auf diese Frage hängt, das verdeutlicht insbesondere Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland, stark von der jeweiligen nationalen Geschichte ab – und so ist es wenig erstaunlich, dass die europäische Integration im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik langsamer vorankommt als in anderen Feldern.

Wie stark vor allem die Geschichte des 20. Jahrhunderts die europäische Politik bis heute prägt, ja prägen muss, verdeutlichte abschließend ein Besuch im Musée de la Résistance. Grenoble war während der deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 ein Zentrum des französischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Gerade einmal 75 Jahre sind vergangen, seitdem im Namen Deutschlands bestialische Verbrechen an der französischen Zivilbevölkerung verübt wurden. Und wer sich dies vergegenwärtigt, kann nicht nur verstehen, warum europäische Politik  oft kompliziert und langatmig ist. Er oder sie kann über das Europa von heute eigentlich auch nur: aufrichtig staunen.

Gemeinsam tüfteln:

Co-Creation Workshop
Mit welchen Übungen lernen sich Fremdsprachen am besten? Welche Inhalte kommen dabei zur Sprache? Und wie lässt sich beides mit dem Thema EU und Europa verbinden?

Mit diesen Fragen ist die Tour d’Europe endgültig auf die Zielgerade eingebogen. Jetzt heißt es, Lehrmaterialien zu erstellen, die den Teilnehmer*innen in den DaF-Kursen der Volkshochschule Essen nicht nur Deutsch, sondern auch Europa beibringen – alles andere als eine leichte Aufgabe.

Im Januar 2020 haben wir die VHS-Dozent*innen der Tour d‘ Europe daher zu einem Workshop in Essen eingeladen, damit Expertise und Erfahrungen der Lehrenden unmittelbar in die Konzeption und Gestaltung der Lehrmaterialien einfließen. Co-Creation heißt dieses Verfahren neudeutsch. Und es macht nicht nur Spaß, sondern auch Sinn.

Gelber Punkt und dreimal A

Ein Grundkonzept für die Lehrmaterialien hatte Frank Richter von der Agentur ressourcenmangel den Dozent*innen mitgebracht. Jetzt ging es darum, die einzelnen Themenfelder und Lektionen didaktisch und thematisch so aufzubereiten, dass die Teilnehmer*innen der Sprachkurse wirklich etwas mitnehmen von dem, was Europa ausmacht.

Das Thema „Wohnen“ zum Beispiel, das in keinem DaF-Sprachlehrwerk fehlt, bietet Anknüpfungspunkte für die EU-Umwelt- und Energiepolitik. Was tut man in Deutschland, um die Ziele der EU-Politik zu erreichen? Man trennt den Müll, man spart Energie – und für das Klima verzichten wir gerne auf ein eigenes Auto.

Den Alltag der Menschen aufzugreifen, Vokabel- und Grammatikkenntnisse zu vermitteln und gleichzeitig zu verdeutlichen, wie stark das Leben in Deutschland von europäischen Werten und Politiken geprägt ist – das ist das überaus anspruchsvolle Ziel jeder einzelnen Lektion. Und nach einer kleinen Anlaufzeit sind wir diesem Ziel erheblich näher gekommen: Spiele, Videos, Rechercheaufgaben, vielleicht sogar ein Rollenspiel – die Ideen sprudelten. Nach wenigen Stunden konnte Frank Richter einen ganzen Block voller Ideen mit nach Hause nehmen. Bis Ende März werden die Lehrmaterialien fertig sein.

Die Tour d’Europe wird gefördert durch die Stiftung Mercator und findet in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Essen statt.

 

Studienleiterin

Dr. Anneke Hudalla

Studienleiterin